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22:51

Miss Widerstand

Vom Missverständnis des Widerstands

Als junge Jungs noch „Widerstand“ auf die grauen Mauern der Stadt sprayten, war der Widerstand noch etwas recht utopisches, fast fantastisches. Er war der geglaubten Notwendigkeit geschuldet, führte aber eher dazu, dass der Alkoholismus (zu) früh um sich schlug und ganze Jahrgänge nun Hilfsarbeitertätigkeiten auf Niveau Mindestlohn verrichten.

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Der alternative Lebensentwurf dazu war ein biederer und sehr dörflicher. Hauptschule, Lehre, „damit’st was kannst“, dann Haus, Ehe, Kind, Hund, in variabler Reihenfolge. Mit 35 im Prinzip alles erlebt und das war nicht viel. Dafür Schulden bis zum Sankt Nimmerleinstag.

In beiden Lebensentwürfen gärt es aber und es bröckelt angeblich sogar, und nein, damit meine ich nicht das täglich Brot der ungebildeten, österreichischen Unterschicht: Alkohol & Zigaretten. Die Absätze sind stabil! Der Unfriede wächst. Manche sprechen sogar vom Zorn des Proletariats gegen die Obrigen, gegen die Eliten, gegen die Staatenlenker und Flaggenschwenker – gold auf blau mit Sterndal im Kreis. „Es bleibt zu wenig über!“ gepaart mit dem Gefühl, tatsächlich übrig zu bleiben.

Längst ist das keine obskure Randerscheinung mehr. Die Verkettungen der Unzufriedenen werden mittlerweile in allen Einrichtungen und Ebenen dieses Staates sichtbar. Am offensichtlichsten in Form von FP Funktionären, aber auch an den Stammtischen, wo sie traditionell ja schon immer hoch war, die Unzufriedenheit mit dem faktisch Seienden. Und damit haben wir auch schon des Pudels Kern. Denn die Debatte ist die Debatte über die Wahrhaftigkeit an sich. Ist es tatsächlich die Welt, oder sind es die Politiker, oder ist es gar eine Schattenregierung, eine Weltverschwörung? Die Juden sinds! Bestimmt. Dann zumindest die Bilderberger oder die Rothschilds. Naja, ist ja irgendwie auch egal.

Jedenfalls aber wäre die Welt wieder eine bessere, wenn man wieder auf den kleinen Mann höre, dem Volk aufs Maul schaut – quasi. Und solange die da oben das nicht tun, sondern sich nur selbst die Taschen füllen, zugreifen und ausplündern …. und erst die Banken. Wir sind von Schuften umzingelt, von Betrügern, Politdarstellern, die es zu feuern gilt, auf die es zu feuern gilt, mag da so mancher denken. Eine Säuberung des Volkskörpers ist nötig, hin zum guten Menschen und der Ordnung, die dieses Land so dringend wieder braucht. Dann würde es wieder besser. So oder so ähnlich jedenfalls. Mal offener, mal etwas verwinkelter ausgedrückt, aber IMMER in klarer Abgrenzung zu einem selbst.

victory-1427691_1920_invNun, das sind bestimmt nicht die Wörter, die ich verwenden würde, um das zu beschreiben, was getan werden müsste, aber dem ist schon etwas abzugewinnen. Erstens riecht das rosig nach Ermächtigung aus der Ohnmacht heraus und wer kann sich so einem Gefühl ernstlich verwehren? Gekräftigt, nein, erkräftigt aus einer miesen Situation empor steigen! Den Staub und die Scherben abschütteln und anpacken. Das ist schon fast Nationalromantik. Sehr schön.

Zweitens natürlich ist da noch dieses kleine Ding namens Rache. Es ist doch zweifellos so, dass es tatsächlich Schuldige gibt und warum die Gelegenheit nicht nutzen und hier den Watschenkarl rausholen? Immerhin ist es doch nicht von der Hand zu weisen, dass „die da oben“ ein Desaster nach dem nächsten fabrizieren und in ihrem Dasein das Hinaufkommen von einfachen, „guten“ Leuten verhindern, bis sie das System soweit korrumpiert hat, dass sie auch nur noch Politdarsteller und wahlweise auch Krisen…öcher geben, je nach politischer Notwendigkeit eben.

Soweit nix neues, aber schauen wir doch nochmal genauer hin.

Es wird wohl keiner ernstlich abstreiten, dass vieles im Argen liegt. Das hat teilweise selbstverschuldete Gründe, teils aber auch äußere, also Gründe jenseits der souverännationalstaatlichen Verantwortlichkeiten oder auch nur Abschätzbarkeit. Auch vieles davon werden wir erst in 60 oder 70 Jahren nach Öffnung der Akten >wirklich< verstehen und bis dahin bleibt uns nur die (Unschulds-) Vermutung. Das ist schon bitter. Und wenn dann von der größten Steuerreform der zweiten Republik die Rede ist und de facto es genauso leer im Geldbeutel aussieht wie vorher, kommt auch der sonst recht zufriedene Bildungsbürger mal ins Zweifeln. Soweit sind die Gefühle also gar nicht voneinander entfernt.hand-grenade-60551_1920

Die Reaktionen darauf sind aber grundverschieden und hierin liegt auch das Missverständnis. Allen ist mehr oder weniger bewusst, dass sich etwas ändern muss, allerdings ist die Versuchung sehr groß, sich für das Geschehene eine Generalabsolution zu erteilen, ganz so als wäre man nie Teil dieser Gesellschaft und damit auch nicht Mitschuld an den Versäumnissen gewesen, die uns diese Probleme erst eingebrockt haben. So als wären es nicht wir gewesen, die immer und immer wieder die GroKo in den Nationalrat gewählt hätten. So als wären es nicht wir gewesen, die zwar auf den Stammtischen scharfe Worte finden, aber wenn der Herr Landeshauptmann zu Besuch ist, schön „Grüß Gott“ sagen. Die Absolution, die erteilt uns die politische Rechte nur allzugern. DIE haben es verbrochen, nicht ihr! DIE haben über eure Köpfe hinweg entschieden! Aufgepeitscht von ihren Geldgebern und bemuttert von ihren Lobbyisten-Freunden. Ihr tut doch nur, was man euch gesagt hat. Geht jeden Tag hart arbeiten. Zahlt eure Steuern.

Das ist schon verlockend, wenn man an all dem gar keinen Anteil haben soll. Und es braucht auch nur ein Kreuzerl an der richtigen Stelle. Dazu gibt’s Wurst mit Bier, schöne Feuerzeuge und geistlose Musik.

cc40_duncan_c_flickr_notguilty CC4.0 Duncan C, flickr.com

Machen wir uns nichts vor. Selbstverständlich sind wir alle mitschuld. Nicht weil wir getan haben, was wir tun sollten, sondern weil wir vor allem nicht mehr getan haben, als von uns verlangt wurde. Wir haben uns nicht organisiert, wir haben uns nicht im Gemeinderat, im Bezirk oder in der Kultur eingebracht. Wir sind beim Wirten gesessen oder vor dem Fernseher und haben die Familie versorgt. Oder aber wir sind herumgelungert, haben abgestaubt, was so herumlag, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick.

Wir sind an einem Punkt des Kampfes über die Deutungshoheit der Wahrheit angekommen. Was gilt es aus den letzten 10 Jahren zu lernen? Warum halten wir an Systemen fest, die offensichtlich nicht genügen, um einerseits den Volkswillen korrekt abzubilden, aber auch gar nicht die Initiativen setzen, die uns sogar seit je her als Rezept angepriesen wurden – für die Zukunft dieses Österreichs – Forschung und Bildung? Das sind Fragen, die es lohnt gestellt zu werden, weil sie uns in unserem Verständnis der Fehler weiterbringen. Stattdessen wenden sich weite Teile der Bevölkerung einer Strömung zu, die allen ernstes behauptet, die Fehler haben nur die anderen gemacht. Und gleichzeitig sei man selbst auch noch völlig unschuldig. Glaubt ja nicht den Medien! Die wollen euch nur klein halten!

Wer sich selbst so hart gönnt, dass er nichtmal seine eigene Versäumnisse einsehen kann und dann auch noch Menschen wählt, die jedwede Aufarbeitung durch überdeutliche Abgrenzung ohnehin verunmöglichen, der oder auch die möchte auch weiter in ihrem Schneckenhaus leben. Möchte weiter nicht verantwortlich für irgendetwas sein. Hat nichts aus dem Dilemma und nichts aus den Zuständen gelernt. Wenn ich lese „Österreich erwache!“ dann kann ich dem nur zustimmen, allerdings meine ich das sicher anders als auf diesen Plakaten. Wir sind nicht nur das Volk, wir sind auch der Staat und es ist allerhöchste Zeit, dass wir uns auch so verhalten. Dass wir selbst die Initiative ergreifen und uns organisieren und nicht den nächsten Politdarsteller mit andersfarbiger Krawatte unser Vertrauen schenken.

Wenn du dir nicht selbst hilfst, wird es keiner für dich tun und das ist die Wahrheit.

proxyDarum entwickeln die Piraten neue Modelle politischer Entscheidungsfindung und deswegen soll auch jeder immer gehört werden – im Rahmen des technisch und menschlich Machbaren. Es ist ein Gegenentwurf zur repräsentativen Demokratie, derer wir alle schon recht überdrüssig sind. Eine weltweite Neufindung des politischen Selbstverständnisses und des Wollens der Teilhabe an unserem Staat. Österreich erwache! Nicht plump, nicht einfach, sondern schlau und auch ziemlich mühsam. Aber wie sagt man so schön:

„Vo nix, kummt nix.“

(desertrold)

P.S.: Sorry, dass das alles so gar nix mit einer wenig bekleideten Frau zu tun hat. Miss Verständnis, gecheckt? Haha… voll lustig….

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